„Es hat sich bewährt, die Kräfte zu bündeln“
Sobald der Abfall in der Mülltonne gelandet ist, hat sich das Thema für die meisten erledigt. Aber was wäre, wenn niemand den Müll abholen würde oder es keine interkommunalen Kooperationen gäbe? Alexander Kutscher, Geschäftsleiter des Zweckverbands Abfallwirtschaft Raum Würzburg, erklärt, wie wichtig eine gute Zusammenarbeit für ein funktionierendes Entsorgungssystem ist.
Wie hat sich die Corona-Pandemie auf die Arbeit im Müllheizkraftwerk (MHKW) Würzburg ausgewirkt? Alexander Kutscher: Das oberste Ziel war, dass die Sicherheit der Entsorgung stets gewährleistet ist. Alle Beteiligten in der Abfallwirtschaft haben sich schnell auf die neue Situation eingestellt. Die Menge im Bereich des Restmülls aus privaten Haushalten hat sich zwar erhöht, weil mehr Menschen zu Hause gekocht haben oder sich Pizza liefern ließen. Doch der Anstieg war alles in allem nur moderat. Die Zusammensetzung des Mülls hat sich nicht großartig geändert. Haben nicht auch viele Bürgerinnen und Bürger die Lockdown-Zeiten genutzt, um ihre Keller aufzuräumen? Kutscher: Das haben wir vor allem in der ersten Phase im Frühjahr 2020 gespürt. Da gab es schon eine Art Sperrmüll-Welle. Diese ist zunächst in den Wertstoffhöfen der Region eingelaufen. Von dort hatten wir 10 bis 15 Prozent mehr Sperrmüll als üblich. In diesem Jahr hat sich das in dieser Ausprägung dann nicht mehr gezeigt. Gab es durch die lang anhaltenden Beschränkungen auch weniger Müll aus der Wirtschaft? Kutscher: Ja, bei den gewerblichen Abfällen gab es einen Rückgang von rund 10 Prozent, bei insgesamt schwächerer Nachfrage nach Verbrennungskapazitäten für Gewerbeabfälle. Das ist auch wenig überraschend, wenn man bedenkt, dass die meisten Geschäfte über Monate hinweg geschlossen waren. Gleiches gilt für die Gastronomie. Auch die Veranstaltungsbranche war lahmgelegt. Die Abfallwirtschaft spiegelt das allgemeine wirtschaftliche und gesellschaftliche Geschehen wider. Es wird sich zeigen, welche strukturellen Verschiebungen es infolge der Pandemie noch geben wird. Die werden wir dann auch bei den Abfällen sehen. Warum wird denn bei der Abfallentsorgung über die Landkreis-Grenzen hinweg kooperiert? Kutscher: Zunächst ein Blick auf die gesetzliche Grundlage: Die Landkreise und kreisfreien Städte sind für die Entsorgung des Siedlungsabfalls zuständig – bestehend aus dem Restmüll privater Haushalte, ähnlich beschaffenem Gewerbemüll und Sperrmüll. Hinzu kommt etwa der Betrieb von Wertstoffhöfen. Die kommunale Hand trägt in der gesamten Kette die Verantwortung – beginnend mit der Sammlung, bis hin zur sicheren Verwertung und Entsorgung der Reststoffe, die bei der Verbrennung entstehen. Bei diesem breit gefächerten Aufgabenspektrum hat es sich bewährt, die Kräfte zu bündeln und sowohl Know-how als auch technische und finanzielle Ressourcen über Gebietsgrenzen hinweg konzentriert einzusetzen, damit man den größtmöglichen Effekt erzielt. Was ist das Selbstverständnis des Zweckverbandes Abfallwirtschaft als kommunales Unternehmen? Kutscher: Im Interesse der Daseinsvorsorge verbinden wir Gesetzmäßigkeiten des Marktes mit den Vorstellungen der kommunalen Körperschaften, die den Zweckverband 1979 gegründet haben und seither gemeinsam tragen. Die Entscheidungsfindung in der Verbandsversammlung findet ganz überwiegend öffentlich statt, nach den gleichen Regeln wie eine Stadtrats- und Kreistagssitzung. Auf diese Weise sowie über unser umfangreiches Informationsangebot bleibt die Verbindung zu Bürgerinnen und Bürgern gewahrt, in deren Interesse das alles betrieben wird. Wir sind aber auch ein Unternehmen, das im Markt agiert. Wir stehen für kurze Entsorgungswege, für soziale Verantwortung und für stabile Kostenstrukturen. Wir haben viel Erfahrung in den Bereichen Abfall und Energie, auf die wir aufbauen können. Ist der Grad der interkommunalen Zusammenarbeit in diesen Bereichen zuletzt gesunken, gestiegen oder gleich geblieben? Kutscher: Er ist mindestens gleich geblieben. Es kommen immer wieder veränderte oder neue Aufgaben hinzu, die allein nur schwer zu bewältigen sind. Dies stärkt die Tendenz zur interkommunalen Zusammenarbeit. Das gilt für die öffentliche Infrastruktur insgesamt, speziell aber für den Entsorgungsbereich. Beim Abwasser gab es zuletzt einen klaren Trend hin zur Kooperation, weil die heutigen Anforderungen voraussetzen, dass man etwa Zugang zu mehrstufigen Kläranlagen hat. Künftig gilt für größere Kläranlagen eine Pflicht zur Phosphorrückgewinnung aus Klärschlamm. Das überfordert häufig einzelne Kommunen.
Wir stehen für kurze Entsorgungswege, für soziale Verantwortung und für stabile Kostenstrukturen.
Alexander Kutscher
Genau wie die Abfallentsorgung? Kutscher: Die Müllverbrennung ist ein klassisches Beispiel für interkommunale Kooperationen. Heutzutage ein neues Müllheizkraftwerk zu bauen, würde zwischen 200 und 300 Millionen Euro kosten. Hinzu kommt der dauerhafte Betrieb. Das ist eine finanzielle Hürde, die nur sehr große kommunale Körperschaften allein bewältigen können. Allerdings setzt die Zusammenarbeit eine gewisse Kapazität bzw. eine bestimmte Menge an Abfällen voraus, die notwendig ist, um eine so aufwendige Anlage auch wirtschaftlich sinnvoll betreiben zu können. Hier sorgt die Kooperation zwischen Gebietskörperschaften für Sicherheit und Verlässlichkeit in den Mengenzuflüssen. Warum löst man das nicht mit entsprechenden Verträgen, sondern in der Gestalt eines Zweckverbandes? Kutscher: Auf rein vertraglicher Basis hätte man das nicht in gleicher Weise, weil Verträge Laufzeiten haben und kündbar sind. Ein Zweckverband ist hingegen eine Interessengemeinschaft auf Dauer. Ein Beitritt ist möglich, theoretisch auch ein Austritt. Aber das ist schon ein aufwendiges Verfahren, weil gemeinsames Vermögen auseinanderdividiert und Verpflichtungen abgewickelt werden müssen. Wir haben in Bayern 14 Müllverbrennungsanlagen, die fast ausschließlich in kommunaler Trägerschaft sind. Und es finden sich auch Gemeinschaftskonstrukte in der Bioabfallbehandlung, bei den Vergärungs- und Kompostierungsanlagen und im Deponiebetrieb. Das alles sind kapital- und ressourcenintensive Einrichtungen, die auch besonderes Know-how voraussetzen. Es gibt zudem große Zweckverbände, die zusätzlich im Bereich Sammlung, Transport und Wertstoffhöfe tätig sind. Wie wirtschaftet ein Zweckverband? Kutscher: Zweckverbände finanzieren sich über eigene Einnahmen und Umlagen der Träger, die dann über Gebühren an Bürgerinnen und Bürger weitergegeben werden. Sie sind als kommunale Einrichtungen der Allgemeinheit verpflichtet und müssen die ihnen anvertrauten Mittel entsprechend einsetzen. Es gilt daher stets, die Zeichen der Zeit richtig zu deuten – und Innovationen und Investitionen dahin zu lenken, wo langfristig der größte Nutzen für alle entstehen kann. Da kommt sofort die Nachhaltigkeit ins Spiel. Sie ist für uns definitiv nichts Neues, sondern war – ohne vielleicht zunächst das Wort explizit zu verwenden – von Anfang an dabei. Vor mehr als 40 Jahren, als der Zweckverband Abfallwirtschaft Raum Würzburg gegründet wurde, hat man zunehmend erkannt, dass die Deponierung von Hausmüll keine Lösung mehr ist. Woran lag das damals? Kutscher: Zum einen wurde es rein praktisch immer schwieriger. Es gab schon fast so etwas wie einen Entsorgungsnotstand. Der Müll musste teilweise Hunderte von Kilometern gefahren werden, um ihn überhaupt loszuwerden. Neue Deponien wollte niemand. Zum anderen sind auch die Auswirkungen auf die Umwelt besser verstanden worden und auch rein optisch immer deutlicher zutage getreten durch steigende Müllmengen. Schon in unserem Gründungsprotokoll ist davon die Rede, dass der Abfall sicher und umweltschonend zu beseitigen ist, aber auch die Bürgerinnen und Bürger finanziell möglichst gering belastet werden. Es geht unverändert und dauerhaft um einen ganz wesentlichen Teil der Daseinsvorsorge. Wie ist der technische Ansatz am MHKW Würzburg? Kutscher: Unser zentrales Instrument ist die thermische Behandlung zur Reduzierung des Volumens, zur Hygienisierung des Mülls und zur Versetzung in einen Zustand, in dem man die Reste gut handhaben kann. Zur Nachhaltigkeit gehört auch, dass die erzeugte Energie effizient eingesetzt wird. So wurde von Anfang an auch die Technologie der Kraft-Wärme-Kopplung verwendet: Der erzeugte Dampf wird zunächst durch eine Turbine geführt, um damit elektrischen Strom zu erzeugen, und dann ins Wärmenetz eingespeist.

Wer profitiert davon? Kutscher: Mit elektrischem Strom können wir eine Stadt der Größe Kitzingens versorgen. Die Einnahmen aus dem Energieverkauf decken einen Teil unserer Kosten, die damit nicht mehr in die Müllgebühren fließen. Das Müllheizkraftwerk ist seit 1984 an das Fernwärmenetz der Stadt angeschlossen und leistet ungefähr 20 Prozent des dort anfallenden Versorgungsbeitrages. Da geht aber noch mehr, der limitierende Faktor sind die Leitungen, die vorhanden sein müssen, damit man neue Gewerbe- oder Wohngebiete, aber auch Einzelobjekte anschließen kann. Da hat sich in den letzten Jahren einiges getan. Was passiert mit der Schlacke nach der Verbrennung? Kutscher: Dort stecken noch mehr Ressourcen drin, als man denkt. So können etwa Metalle aus der Schlacke gewonnen und wieder als Recycling-Material in den Kreislauf eingespeist werden. Die Schlacke selbst lässt sich in der Baubranche verwenden, beispielsweise für Grundierungs- und Fundamentarbeiten. Die Alternativen sind Beton oder kieshaltiges Material, was zulasten natürlicher Ressourcen geht. Es gibt Qualitätsstandards, die ausschließen, dass mit der Schlacke Umweltbelastungen verbunden sind. Auf der Kostenseite ist sie umso interessanter, je knapper die natürlichen Ressourcen werden. Es muss aber eben die emotionale Hürde überwunden werden, dass das verwendete Material schon mal einen Prozess durchlaufen hat, der mit Abfallbeseitigung verbunden ist. Wir leisten da gerne Aufklärungsarbeit. Ich hoffe, dass die Auftraggeber im Baubereich im Sinne der Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft künftig stärker auf Schlacke setzen und vor allem öffentliche Auftraggeber dabei eine Vorbildrolle übernehmen, wie dies vom Gesetzgeber gewollt ist. Aus anderen Ländern bekommt man immer wieder mal mit, dass sich in Innenstädten die Müllberge häufen, etwa wegen eines großen Streiks. Warum kommt das bei uns praktisch nie vor? Kutscher: Nie kann man nicht sagen. So gab es in der letzten Tarifrunde im öffentlichen Dienst in einigen Städten Warnstreiks bei der Müllabfuhr. Aber das kommt tatsächlich bei uns nicht so oft vor. Vor allem waren solche Ausstände bisher praktisch nie so lange anhaltend, dass es sichtbare Störungen mit Müllbergen oder Ähnlichem gab. Was würde bei uns in Mainfranken passieren, wenn der Müll zwei oder drei Monate lang nicht abgeholt werden würde? Kutscher: Viele dürften hier stinkende Müllberge vor Augen haben. Doch es gibt auch Nachteile, die nicht auf den ersten Blick ersichtlich sind – etwa, dass ein ungeregeltes Herumliegen von Abfällen Umwelteffekte hat, die dann tatsächlich Gesundheitsprobleme hervorrufen können. Das zeigt auch das Erklärvideo „Ein Jahr ohne Müllabfuhr“, das man auf unserer Homepage ansehen kann. Darin ist – als noch niemand an Corona gedacht hat – schon ein Schlangestehen vor Krankenhäusern zu sehen, weil eben der Kernauftrag, die Hygienisierung von Abfällen, nicht mehr wahrgenommen wird. Wenn der Müll nicht abgeholt wird, begünstigt dies auch kriminelle Strukturen, die die Entsorgung für viel Geld übernehmen. Schließlich ist die Bereitschaft, hohe Summen zu bezahlen, damit der stinkende Abfall abgeholt wird – egal von wem –, irgendwann sehr hoch.
Ich hoffe, dass Auftraggeber im Baubereich im Sinne der Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft künftig stärker auf Schlacke setzen.
Alexander Kutscher

In die Tonne. Fertig?
Dank einer funktionierenden Abfallentsorgung hat sich für uns das Thema Müll mit dem Wurf in die richtige Tonne erledigt. Doch was wäre, wenn die Frauen und Männer in Orange nicht so zuverlässig unsere Abfälle beseitigen würden? Das Erklärvideo „Ein Jahr ohne Müllabfuhr“ zeigt eindrucksvoll die Auswirkungen.