Verbrennung auf drei Linien
Das Würzburger Müllheizkraftwerk verfügt über 3 Verbrennungslinien. Linie 1 und 2 wurden 1984 in Betrieb genommen, 1998 folgte Linie 3. Linie 1 wurde im Dezember 2020 erneuert.
Am anderen Ende des Bunkers ist eine verglaste Kabine zu sehen. In ihr sitzt ein Kranfahrer, der den gesamten Bunker überblickt und mit Monitoren und Joystick einen monströsen Polypgreifarm bewegt. Ohne Unterlass verrichtet er seine Arbeit, er senkt sich, umfasst den Müll und hebt ihn nach oben. Auf Schienen bewegt er sich nach rechts und links und lässt den Müll fallen.
Entweder auf eine andere Stelle, um den Müll gut zu durchmischen, oder in einen von drei Trichtern, deren unteres Ende in einem der drei Brennöfen endet. Über einem von ihnen lässt der Greifarm seine Fracht los. Krachend fällt sie auf den zuvor dort abgeladenen Müll. Noch liegt der rote Müllbeutel obenauf. Dann wandert er langsam nach unten, ehe er unter einem neuen Müllhaufen verschwindet, den der Greifarm aus seinen Fängen entlässt.

Greifen und wieder fallen lassen: Der Kranführer sorgt für eine gute Durchmischung des Mülls und dessen Verteilung auf die Brennöfen (Bild im Hintergrund). Drei solcher Trichter bilden den Weg in die Brennöfen.
Im 30 Meter hohen Ofen, dessen Spitze man über 13 Stockwerke erreicht, wird der Müll „thermisch behandelt“, sprich verbrannt. Durch den beständigen Fluss wird das Feuer am Leben erhalten – obgleich das Wort Feuer untertrieben ist, wenn man einen Blick durch das Schauglas wirft, das auf Höhe des Rosts liegt: Es ist ein Höllenfeuer, vor dem so gut wie nichts sicher ist. 1.000 °C heiß ist es im Inneren, die Hitze strahlt durch die Wände ab und erwärmt das ganze Gebäude. Im Kraftwerk herrscht – ebenso wie im Ofen – ein stetiger Unterdruck, der verhindert, dass Gerüche und Staub nach außen dringen.

Ein Blick in das Höllenfeuer, das bei 1.000 °C nahezu alles verbrennt.

Filtersysteme sorgen dafür, dass die Luft sauber bleibt.
Abfall oder doch Ressource? Der zu Schlacke verbrannte Abfall fällt nach dem Rost in ein Wasserbad und wird von dort aus mit einer Förderrinne in den Schlackebunker auf der anderen Gebäudeseite abtransportiert. Ein Kran verlädt die Schlacke auf einen Lkw, der sie in die Aufbereitungsanlage in den Neuen Hafen bringt. Dort werden metallische Gegenstände abgetrennt, um sie in den Wirtschaftskreislauf zurückzuführen, der mineralische Rest wird zu Baustoffen für den Tiefbau umgewandelt. Auch wenn Müllverbrennung die Umwelt weniger belastet als die Deponierung: Nach dem Verbrennen bleiben nicht nur unbedenkliche Reststoffe zurück, sondern auch Gefahrstoffe: unter anderem Schwefeldioxid, Stickoxide, Chlorwasserstoffe, Quecksilberverbindungen und Schwermetalle, Dioxine und Furane. Sie dürfen nicht in die Umwelt gelangen und müssen gebunden werden. Dafür sorgen Gewebefilteranlagen, in denen die Schadstoffe aus den Rauchgasen gezogen und eingelagert werden. „Das Landesamt für Umweltschutz überwacht die ordnungsgemäße Filterung. Die gefilterten Stäube werden in Silos gelagert und anschließend in Bergwerke unter Tage verbracht, wo sie in Gestein eingeschlossen sind und keinen Schaden mehr anrichten können“, erklärt Martin Vogell. Das gereinigte Abgas verlässt über die 80 Meter hohen Stahlkamine das Kraftwerk. Die Energie, die beim Verbrennen in Form von erhitzter Luft freigesetzt wird, wird energetisch genutzt. „Kraft-Wärme-Kopplung“ nennt man dieses Prinzip. Das den Ofen umfließende Wasser wird erhitzt, bis es verdampft. Dieser über 400 °C heiße „Prozessdampf“ strömt mit hohem Druck in zwei Turbinen, die Generatoren zur Stromerzeugung antreiben. Danach tritt er wieder aus, kondensiert und wird in den Speisewasserkreislauf des Kessels zurückgeführt. „Damit schließt sich der Wasser-Dampf-Kreislauf. Ein Teil des Dampfes wird zudem für die Fernwärmeversorgung entnommen und in das Fernwärmenetz der Stadtwerke Würzburg AG eingespeist“, erläutert Matthias Mohr, Technischer Leiter des Zweckverbandes am MHKW. So liefert das Kraftwerk beides: Elektrizität und Fernwärme.

Auch die übrig gebliebene Schlacke findet nochmal Verwendung, zum Beispiel im Tiefbau.
Aus Abfall wird Energie
19 % des Stroms und etwa 23 % der Fernwärme, die die Stadtwerke Würzburg AG insgesamt erzeugen, stammen aus dem Müllheizkraftwerk Würzburg. 2020 waren dies 68,4 Mio. Kilowattstunden Strom und 60,7 Millionen Kilowattstunden Fernwärme. Zum Vergleich: Laut Bundesverband für Energie- und Wasserwirtschaft liegt der Pro-Kopf-Verbrauch der Deutschen bei ca. 1.300 Kilowattstunden.
Was bei einer Störmeldung passiert All das zeigt: Müllentsorgung und -verbrennung sind ein äußerst komplexes, aber auch effizientes Unterfangen, das minutiös überwacht werden muss. In der Leitwarte wird der Prozess gelenkt und, wenn nötig, korrigiert. Bis zu 20.000 Meldungen haben die Mitarbeiter hier täglich zu bearbeiten. Meistens sind es Kleinigkeiten, wie ein zu niedriger oder zu hoher Leitungsdruck, der kurzzeitig vom Normwert abweicht. Das lässt sich am Bildschirm beheben.

Das Herzstück des Müllheizkraftwerks: die Schaltzentrale. Hier werden täglich bis zu 20.000 Meldungen bearbeitet.
Bei größeren Problemen, etwa einem Schwelbrand im Müllbunker, dem Austritt von Gasen oder gefährlichen Rückständen, informiert der Leitstandfahrer sofort den Schichtleiter, der mit seinem Team das Problem möglichst schnell und reibungslos vor Ort beheben muss. Nach außen ist das Steuerungssystem vor Angriffen geschützt und ein Back-up verhindert eine Notsituation, sollte das Programm einmal abstürzen. „Das ist aber noch nie vorgekommen“, sagt Matthias Mohr. Das Kraftwerk läuft ohne größere Zwischenfälle – seit fast 40 Jahren.
Das Kraftwerk läuft ohne größere Zwischenfälle – seit fast 40 Jahren.
Matthias Mohr

Das Müllheizkraftwerk: ein Ort voller Technik.
Und der rote Müllbeutel? Der rote Müllbeutel indes hat sich längst buchstäblich in Luft aufgelöst, von ihm ist nur wenige Stunden nach seiner Entsorgung nichts übriggeblieben als eine Handvoll grauer Staub und pure Energie. Am Ende hat er dazu beigetragen, eine Lampe irgendwo zum Glühen zu bringen oder einen Heizkörper zu erhitzen. Der Kreislauf ist geschlossen.