Wie ein roter Müllbeutel eine Lampe zum Glühen bringt
Wenn der Müllbeutel voll ist, kommt er in die Mülltonne. Ende der Geschichte? Nein, es ist erst der Anfang! Es ist erstaunlich, welcher Aufwand nötig ist, um unseren Müll abzutransportieren und intelligent zu verwerten. Ein riesiges Räderwerk, an dem zahlreiche Menschen und jede Menge schweres Gerät beteiligt sind, sorgt dafür, dass unsere Gesellschaft nicht im Müll versinkt und unseren Wirtschaftskreislauf am Leben erhält. Und das jeden Tag.
Der Kreislauf beginnt. In Form eines roten Müllbeutels. In einem Hinterhof in der Sanderstraße wartet er in einer grauen Restmülltonne darauf, entsorgt zu werden. Es ist Dienstagvormittag, kurz nach 9.30 Uhr. Ein orangefarbenes Müllfahrzeug macht mit Motorlärm und gelben Blinklichtern auf sich aufmerksam. Am Lenkrad sitzt Bernd, und das seit 21 Jahren. Er kennt die Stadt und ihre Straßen wie seine Westentasche. Begleitet wird er heute von den drei „Ladern“ Peter, Ralf und Michael. Gemeinsam sind sie auf einer der härtesten Touren Würzburgs unterwegs: durch die südliche Altstadt. Im Gegensatz zu den Wohnvierteln am Rande der Stadt, wo man leicht an die Mülltonnen kommt, prägen im Zentrum der Stadt jahrhundertelang gewachsene Strukturen das Straßenbild. Verwinkelte Gassen, enge Hinterhöfe und Altbauten mit vielen Stufen und tiefen Kellern erschweren den Weg zu den Mülltonnen. Hier muss jeder Handgriff sitzen.
300 Mitarbeiter aus über einem Dutzend Nationen sind bei den Stadtreinigern beschäftigt, davon circa 100 in der Abteilung Abfalldienste. Auch Müllwerkerinnen sind darunter. „Für uns spielt es keine Rolle, wo jemand herkommt oder welches Geschlecht er hat. Er muss anpacken können und den Job gut machen“, erklärt Bernd durchs offene Fenster der Fahrerkabine. Gleichwohl: Wenn man den Müllwerkern bei der Arbeit zusieht, verwundert es nicht, dass der Job noch immer eine Männerdomäne ist. Er kann nämlich knochenhart sein. „Die Arbeit ist nicht ohne, aber sie macht viel Spaß. Genau das, was ich gesucht habe“, sagt Michael, der seit vier Monaten dabei ist. Auf der Suche ist man bei den Stadtreinigern nach genau solchen Leuten: motiviert, stark und kollegial. Anwärter werden gleich mit auf Tour genommen. „Nicht jeder ist dafür gemacht“, sagt Bernd. „Oft sieht man schon nach wenigen Handgriffen, ob die Person richtig bei uns aufgehoben ist oder nicht.“ Michael jedenfalls passt perfekt ins Team.
Was Müllwerkern zu schaffen macht Müllwerker zu sein, ist längst keine Arbeit mehr, die man ungern erwähnt, sondern vor allem eins: attraktiv. Die Anstellung bietet jede Menge Vorteile: eine Festanstellung bei einem öffentlichen Arbeitgeber, einen krisensicheren Job, eine gute Bezahlung, ein kollegiales Team und angenehme Arbeitszeiten. In Kauf nehmen muss man allerdings auch, bei jedem Wetter rauszugehen und sich Wind und Regen ins Gesicht peitschen zu lassen. „Mit der richtigen Kleidung ist das aber kein Problem“, sagt Peter und lacht. Mehr zu schaffen macht ihm in den Sommermonaten der Gestank, der aus den Mülltonnen entweicht, vor allem bei der Entsorgung von Biomüll. „Das ist schon heftig.“ Was man als Müllwerker ebenso sehr verabscheut, sind Ratten, die aus Mülltonnen springen. „Da weicht man erst einmal einen Schritt zurück und erschrickt.“ Auf dem Weg in die Hinterhöfe versperren oft Fahrräder, Kinderwägen oder Unrat den Weg. „Manchmal wünscht man sich, die Leute wären etwas achtsamer“, sagt Peter. „Damit würden sie uns die Arbeit erleichtern.“ Ein weiteres Problem: Oft kommen die Müllwerker nicht an die Tonnen. Etwa, wenn sie vor verschlossenen Türen stehen. Dann wird geklingelt. Und zwar überall. Wird nicht aufgemacht, ziehen die Müllwerker weiter und probieren es später noch mal.

Besonders in der Altstadt geht es manchmal ganz schön eng zu.
Manchmal wünscht man sich, die Leute wären etwas achtsamer.
Peter
Peter wartet in einem Hauseingang. Nach kurzer Zeit surrt der Türöffner und er wird ins Treppenhaus eines alten Hauses eingelassen. Fünf Stufen sprintet er rauf zum Hochparterre, dann wieder fünf Stufen runter, ehe er den Hof im rückwärtigen Gebäudeteil erreicht. Gekonnt nimmt er zwei Tonnen auf einmal und bugsiert sie durchs Haus, die Stufen rauf, die Stufen runter, vor auf die Straße. Ungeübten fällt das schwer. „Wenn man das eine Zeitlang macht, fallen die Handgriffe aber immer leichter.“ In den nächsten Hof kommt man durch einen Torbogen, hier stören keine Stufen den Weg. Gleich vier Tonnen nimmt Ralf in die Hände, zwei links, zwei rechts, und fährt sie behände nach vorne. Bis zu 400 Behälter müssen auf einer Tour geleert werden.

Ungeübten fällt das Bugsieren der Tonnen schwer. Bei Peter, Ralf und Michael sitzt jedoch jeder Handgriff.